Die angemessene Versorgung Demenzkranker ist eine der großen Herausforderungen für unsere Gesellschaft.
Mehr als eine Million Menschen brauchen schon heute Begleitung über Jahre hinweg, und die Zahl steigt stetig.
Da die Demenz den Menschen in seiner ganzen Persönlichkeit betrifft und viele Eigenschaften und Fähigkeiten
zerstört, ist der Unterstützungsbedarf groß.
Die Deutsche Expertengruppe Dementenbetreuung (DED) e.V. ist eine Vereinigung von Menschen aus vielen
Professionen, die seit 1995 in der Versorgung Demenzkranker neue Wege suchen. Die Themen unserer
Fachtagungen entstehen in der Diskussion DED – Mitglieder bei den Arbeitstagungen im Frühjahr und Herbst
jeden Jahres.
Zu den schwerwiegenden Folgen der Demenz gehört, daß die Einsichts- und Einwilligungsfähigkeit verloren
gehen. Dadurch kann es zu Gefährdungen der Kranken oder anderer kommen, und Schutzmaßnahmen werden
notwendig. Zu diesen Schutzmaßnahmen zählen Fixierung und andere Formen der Freiheitsbeschränkung. Dabei
ist zwischen zwei hochrangigen Rechtsgütern abzuwägen, der Bewegungsfreiheit und der körperlichen
Unversehrtheit. Mit beiden müssen die Betreuenden verantwortlich umgehen. Zu diesem verantwortlichen
Umgang gehören Einfühlung in das Krankheitserleben, Wissen, Phantasie und nicht zuletzt Mut zum
Ausprobieren neuer Vorgehensweisen. Einschränkungen der Bewegungsfreiheit sollten stets das allerletzte Glied
in der Kette pflegerischen Handelns bleiben; denn gerade in Zuständen fortgeschrittener Demenz kann die
Fortbewegung zur einzigen Möglichkeit geworden sein, sich unbeeinträchtigt zu fühlen. Durch geeignete
Maßnahmen im Vorfeld können freiheitsbeschränkende Handlungen in großem Umfang vermieden werden.
Zentrales Anliegen unserer Tagung ist, das Wissen über solche Maßnahmen zu vermehren, das Verständnis für
die Bedeutung unserer Handlungen zu vertiefen und Mut zu machen zu allem, was der Vergrößerung der
Freiräume für Demenzkranke dient.
Allmählich – leider nur: allmählich – wächst in unserer Gesellschaft das Verantwortungsbewusstsein für die
Demenzkranken, deren Zahl aufgrund der lebensverlängernden Medizinfortschritte unaufhaltsam zunimmt. Immer
intensiver entwickelt sich in der Betreuungsarbeit der Wunsch, mit mehr Kraft, Zeit, Kenntnissen und Phantasie
auf die Bedürfnisse der Kranken eingehen zu können. Dabei ist einzuräumen, dass diese Bedürfnisse oft nicht
einmal genauer bekannt sind: aus mangelnder Ausdrucksfähigkeit, begrenztem Verständnis oder einfach aus
Erschöpfung. Manchmal bleibt die innere Welt der Kranken auch zu fern.
Bereits vor fast 10 Jahren fanden sich in der Deutschen Expertengruppe Dementenbetreuung Menschen
zusammen, die die Suche nach Verbesserungen verbindet und die den Mut haben, Neues auszuprobieren. Viel ist
an neuem Wissen entstanden und wird während der beiden jährlichen Arbeitstagungen ausgetauscht. Dabei
zeigt sich jedoch zunehmend, dass wir zu häufig von einzelnen Verbesserungen reden und dabei meinen,
dasselbe im Kopf zu haben. Tatsächlich ist dies dann nicht der Fall, wie der eingehendere Fachdialog oft zeigt.
Wir benötigen dringend mehr Übereinstimmung von Kriterien und Anforderungen für die verschiedenen Bereiche,
in denen um Fortschritte in der Dementenversorgung gerungen wird. Dieser Aufgabe widmet sich die 2.
Fachtagung der DED. Jenseits von Strategie und Alltagsnöten haben zwei Umstände zentrale Bedeutung und sind
damit ständige Herausforderung: Demenzkranke können nicht mehr (zuverlässig) darüber berichten, wie mit
ihnen umgegangen wurde. Die natürlichste Qualitäts-Kontrollinstanz, ihr Gedächtnis, ist gestört. Und zweitens:
Die Demenz erfasst und zerstört den Menschen am Ende in all seinen geistig-seelischen Dimensionen. Deshalb
haben die Kranken ein Recht auf unsere immer wieder neue Suche nach Erhaltengebliebenem und
Verlorengegangenem, auf Unterstützung und Sicherheit, auf Anregung und Gemeinsamkeit. Dem nachzukommen
wird uns in der Betreuungsarbeit selbstbewusster, gelassener und damit allmählich immer besser machen.
Es ist gut, dass die Demenz den Kranken in fast jedem Stadium noch Fähigkeiten und Erlebnismöglichkeiten
lässt. Das herauszufinden kann die Betreuung in vielfältiger Weise bereichern.
Immer wieder gibt es dabei jedoch die Schwierigkeit, zwischen Freiräumen für die Kranken und Fürsorgepflicht
der Betreuer abzuwägen. Die Demenz nimmt das Vermögen, vorsichtig und überlegt zu handeln. Außerdem führt
sie allmählich zum Verlust der Fähigkeit, den eigenen Zustand zu beschreiben, also auch Schmerzen und
krankhafte Veränderungen. Mindestens ebenso bedeutsam ist, dass die Kranken nicht mehr schildern können,
wie mit ihnen umgegangen wurde; gerade diese Tatsache kann zu Unsorgsamkeit verführen, mehr als bei
anderen Kranken mit erhaltener Erinnerung und erhaltener Mitteilungsfähigkeit. Diesen und anderen Risiko-
Aspekten in der Pflege Demenzkranker soll auf der 3. Fachtagung der DED nachgegangen werden. Neben der
Verdeutlichung der Probleme möchten wir vermitteln, dass unser jeweiliges Handeln und die damit verbundenen
Risiken begründbar sein müssen. Wenn die Demenzkranken uns in allem, was zu ihnen gehört, gut vertraut sind,
wächst unsere Sicherheit im Umgang mit ihnen.
Das kann Zuversicht vergrößern, auch im Hinblick auf – in bestimmten Bereichen unvermeidbare - Risiken.